Reiner Wahnsinn

Reiner Wahnsinn

Zürich Filmfestival, das 13.; mir bringt es Glück, denn ich habe – neben anderen, hierzulande vielleicht bekannteren Stars – Rob Reiner getroffen. Und der hat nicht nur Filmgeschichte geschrieben, sondern auch was zu sagen – selbst, wenn´s was Beunruhigendes ist. Aber schön der Reihe nach:

Rob Reiner ist der Regisseur von Filmklassikern wie “When Harry met Sally” (… Meg Ryan´s berühmter, vorgetäuschter Orgasmus bei “Katz” in New York …), “Misery” (Kathy Bates hochverdiente Oscar-Rolle) und “Eine Frage der Ehre” (… Jack Nicholson in Aller-Höchstform …). Großeltern Alt-Österreicher (was sonst?): Vater Carl, mittlerweile 95, einst selbst Regisseur von Klassikern wie “Tote tragen keine Karos” oder “Oh, God!”, noch immer als Schauspieler, z.B. in der “Oceans 11-13″-Serie aktiv, Mutter Estelle bestellte in der erwähnten Szene in “When Harry met Sally” mit dem berühmten Satz: “I´ll have what she´s having”.

Und jetzt präsentiert Rob Reiner in Zürich seinen neuesten Film: über “Shock and Awe” berichten die Kritiker zwar nicht nur ehrfurchtsvoll, doch der Hintergrund des Streifens gibt doch zu denken: es geht darin um die gezielte Falschinformation der Öffentlichkeit im Jahr 2003, mit deren Hilfe die Bush-Administration die USA damals in den Irak-Krieg führte. Fast 15 Jahre lang hat Reiner gebraucht, um den Film gegen alle möglichen und unmöglichen Widerstände zu realisieren, Freunde hat er sich zuhause damit jedenfalls keine gemacht. Doch er wollte – spät, aber doch – der Wahrheit zum Durchbruch verhelfen.

2003 sprach man noch nicht von “Fake News”, Kim Kardashian war 23 und unbekannt, “Reality TV” hatte noch mehr mit Realität als mit Unterhaltung zu tun, und Donald Trump drehte gerade die 1.Folge der Casting-Show “The Apprentice”, die er mittlerweile bekanntlich von New York nach Washington verlegt hat.

“Es war immer schon schwer, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden”, meint Rob Reiner, “denken Sie nur an die Propagandafilme von Leni Riefenstahl”. Geht man noch weiter zurück in der Geschichte, man könnte auch den Bankier Rothschild erwähnen, der nach der Schlacht von Waterloo angeblich Falschmeldungen über einen Sieg Napoleons in London verbreiten ließ, billig Aktien kaufte und so zum reichsten Mann der Welt wurde.

“Amüsieren wir uns zu Tode?” frage ich Rob, in Anlehnung an Neil Postman´s düstere Medienprophezeiung aus den 1980er Jahren. Denn es wurde bekanntlich ja noch schlimmer, als von ihm vorausgesagt: George Orwell UND Aldous Huxley behielten recht: wir haben heute viele “Big Brother”, die uns beobachten, UND wir ertrinken in unserer “Brave, new World” in Informationen, ohne unterscheiden zu können, welche von ihnen nun wahr und/oder wichtig sind. Mr. Reiner seufzt: “Ohne die Mithilfe von Zuckerberg, Facebook und Twitter wird es wohl nicht mehr gehen: die Menschen müssen seriösen Journalismus erst wieder erkennen! Demokratie kann nämlich nur dann funktionieren, wenn die Öffentlichkeit gut und richtig informiert wird!”

Ich frage ihn, wann “Shock and Awe” denn in die österreichischen Kinos kommen soll; Rob Reiner schüttelt den Kopf: bisher hat sich noch kein Verleiher für Österreich gefunden – kein Interesse. Zurück im Hotel lese ich die neuesten Schlagzeilen über “Dirty Campaigning”, made in Austria, genau zwei Wochen vor der Nationalratswahl. “Kein Interesse” …? – Well …