Theatermacher

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Weil in einem knapp eineinhalb Minuten kurzen “Seitenblick” vieles unerwähnt bleiben muß, die knapp 3-stündige, zeitversetzte “Live”-Übertragung der Nestroy-Preisverleihung auf ORFIII sich bis weit nach Mitternacht zog, und in der Berichterstattung der Printmedien vieles auf die bekannt-berüchtigten Gesichter aus Serien- & WerbeTV reduziert wurde, hier & jetzt also DOCH ein paar ergänzende Gedanken von dem älteren Herrn im schwarzen Samtblazer mit rotem Stecktuch in Parkettreihe 20, rechts, Sitz 19:

Für mich war der 18. “Nestroy” im Wiener Ronacher der bisher ergreifendste, ehrlichste und wahrhaftigste – TROTZ einiger Längen, “Eh Kloa”s und “Naja”s (wie z.B. die Standing Ovation für Lebenspreis-Trägerin Kirsten Dene und die ach, so neuen & guten Ratschläge des alten Grantscherbens Otto Schenk an junge SchauspielerInnen). Bestseller-Autor Joachim Meyerhoff wurde bester Schauspieler, Andrea Jonasson beste Schauspielerin – sie weiß, vor 2 Jahren hätte sie den Preis wohl eher verdient, aber damals “mußte” halt Elisabeth Orth ein Geschenk zum 80er bekommen …

Die ganze “Show” wurde – laut offizieller Darstellung – drei Tage vor der Gala komplett umgeschmissen, weil Autorin Julya Rabinowich genau das getan hatte, was schon an vorangegangenen Nestroy-Abenden stets zum allgemeinen Gähn-Konzert beigetragen: statt Moderationen lieferte sie ein kleines Theaterstück zum Thema “Wie gefährlich ist die Kunst?”, das bestimmt demnächst in einem der Nebenspielplätze des Burgtheaters seine im Feuilleton (und NUR dort) umjubelte Erstaufführung erleben wird. Doch – wie sagte ORFIII-Programmchef Peter Schöber, spät des Abends mit langgezogenem Seufzer: “Eine Gala ist eine Gala, ist eine Gala, ist eine Gala”. Österreichs Antwort auf die in Paris gelebte Amerikanerin Gertrud Stein ist offenbar die in Wien lebende Deutsche Karin Bergmann, die sich kurzfristig den Persisch-stämmigen Michael Niavarani als Assistenten & Pointenschleuderer holte – und damit einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Abends leistete.

In den letzten Nestroy-Jahren fragte ich mich bei den Video-Zuspielungen der nominierten Personen & Produktionen oft unter Krämpfen: DAS also sollen die besten heimischen Theater-Leistungen & -Produktionen des letzten Jahres gewesen sein …? – die machten nämlich Null Lust, sich die nächste Akademietheater-/Josefstadt-/Rabenhof-/etc.-Premiere zu geben, mitunter sogar ganz im Gegenteil! Diesmal aber kam in den besten Gala-Momenten, und derer gab es etliche, das blanke Leben durch: wenn z.B. der im Rollstuhl sitzende Tänzer Michael Turinsky sich nicht nur für den Spezialpreis, sondern vor allem für die “Inklusion auf Augenhöhe” bedankte, vorm Gegenteil, nämlich der vielerorts wieder salonfähigen Ausgrenzung, warnend. Oder wenn Kulturstadtrat Mailath-Pokorny die Realsatire erwähnte, daß die FPÖ in einer “dringlichen Anfrage” ernsthaft Subventionszahlungen ans Theater in der Josefstadt rückgefordert hat, weil dort – NICHT ganz so ernsthaft – mit dem Slogan “#STRACHE MACHT 1 JAHR #BILDUNGSKARENZ” für ein Jahresabo geworben wurde. Schließlich, als Nebenrollen-Preisträgerin Birgit Stöger in ihrer Dankesrede an den irakischen Flüchtling erinnerte, der im Vorjahr (Mit-) Preisträger war und just am Tag der heurigen Verleihung postalisch die Ablehnung seines Asylgesuchs zugestellt bekam. Als sie mit den Worten “Wenn der österreichische Staat ihn abschiebt kommt das einem Todesurteil gleich” schloß, mußte die Übertragung wegen minutenlanger Ovationen unterbrochen werden, und Kulturminister Drozda versprach spontan, sich den negativen Asylbescheid noch einmal genau ansehen zu wollen. Als eine seiner “vielleicht letzten Amtshandlungen”, wie er ergänzte.

A bisserl traurig, a bisserl bös & hinterfotzig, manchmal lächerlich, oft ziemlich kalt, und mitunter doch zum Weinen schön: so ist – im Idealfall – das Theater, und so ist – in der Regel – das Leben … zumindest in Wien.