Tränen gelacht

Tränen gelacht

In 10 Tagen sind die Salzburger Festspiele 2017 Geschichte, bis dahin kann man noch immer G´schichterln dort erleben, z.B. bei der Premiere von “Lear”: “Das mußt aufnehmen”, riet mir ein gefürchteter Kulturkritiker, “die Leute mit den “Suche Karte”-Schildern – bei einer MODERNEN Oper!”. Ich fand´s interessanter, daß ein 50 Jahre alter Wagen entweder ein Oldtimer oder Schrott ist – eine 50 Jahre alte Oper aber immer noch “modern”. Ähnlich – so versichern mir bissige Kenner – verhält es sich beim Unterschied zwischen Dagmar Koller und der Karlskirche – doch ich schweife ab: “HEUTE bist Du da? – Am MITTWOCH solltest Du kommen!”, flötete mir die Protokollchefin der Festspiele vertraulich ins Ohr, “da kommt ja auch Macron – was, das WUSSTEST Du nicht …?”. Komischerweise fand ich es gar nicht so shocking, daß der Elysee-Palast die Reisepläne des Präsidenten NICHT mit mir abstimmt. Zumindest deutlich weniger als die Protokollchefin, als ich ihr sage, daß ich am Mittwoch keine Zeit für Macron haben werde.

Rundherum, auf den Dächern über dem Festspielbezirk, Scharfschützen. Muß wohl wer wichtiger da sein, denke ich, nehme noch ein Glas vom vorzüglich gereiften, offiziellen Festspielwein (einem 2008er Blaufränkisch-Merlot-Cuvee) und schaue mich um: Anita von Ammersfeld ist da, der Julia Migenes ihre Weltkarriere verdankt (Julia hat mir einmal in Los Angeles erzählt, daß Anita sie einst in der Direktion der Volksoper verpetzt hat, sie daraufhin geflogen ist – und auf diesem Höhenflug nebenbei Zeffirelli´s “Carmen” wurde), Sigi Wolf, der sich in der Pause intensiv mit Fürstin Gloria unterhält, die als Gast von Thaddaeus Ropac gekommen ist, ebenso wie irgendein vielgeknipstes, gelangweilt dreinschauendes Welfenpaar. Dann noch Monika Peitsch, die 1973 im “Bravo” meine Traumfrau war, und der bärtige Biobauer vom Diskonter “Hofer”, den ich boykottiere, weil Kunden dort offenbar für blöd verkauft werden: wenn ernsthaft “Sonderangebote” an- und ein Stück Käse dann “statt 3,99 € heute NUR 3,98 €” ausgepreist ist (Tatsache!), dann darf das Verarsche genannt werden!

“Was Du heut wieder für Leut´ aufnehmen mußt!”, flüstert mir plötzlich eine bekannte Stimme ins Ohr. Lachend klopft er mir auf die Schulter & läuft auch schon davon: stimmt, er muß sich ja noch umziehen, er steht heute wieder als “Jedermann” auf dem Domplatz. Ich aber sehe und höre “Lear”, von Aribert Reimann. Der Komponist persönlich ist im Publikum. “Gefällt´s Dir?”, fragt mich ein Rolls-Royce-fahrender, deutscher Unternehmer in der Pause, und erklärt mir – ohne meine Antwort abzuwarten: “Ist halt nicht so gefällig wie gegenständliche Musik. Du mußt es wie ein abstraktes Gemälde betrachten, Kandisky in Tönen, dann fällt´s Dir leichter!”.

Wenige Minuten davor hat mich die Nachricht vom Tod von Jerry Lewis erreicht. Sein (Lehr-)Buch “The total Filmmaker” habe ich verschlungen, lange ehe ich selbst Film(chen) machte, viermal bin ich ihm begegnet – zum ersten Mal bei der Eröffnung des Austria-Center, dann bei einer Rainhard-Fendrich-Show, schließlich in Hollywood, als er seinen Ehrenoscar gewann, und zuletzt vor einigen Jahren, bei der Verleihung der Publicist´s Awards. Den Witz, den er damals erzählt hat, erspare ich Ihnen, weil niemand ihn so wie Jerry Lewis erzählen könnte. Konträr zu manch anderem amerikanischen Witzbold, der sich als seriös und ernsthaft präsentieren will, war der Blödler Jerry Lewis im wirklichen Leben wohl das genaue Gegenteil. Seine Grimassen waren Teil der Show. Und Verträge Teil des Jobs. Als sich ein damaliger Radio-Kollege (ich glaube, er leitet heute die Wiener Stadthalle) beim Interview, das ich mit Jerry Lewis ausgemacht hatte, nun, “anhängen” wollte, war´s bei dem Starkomiker mit dem Spaß blitzartig vorbei: “I don´t like no surprises!”, machte er ihm laut und unmißverständlich klar. Um gleich danach mit mir weiter zu blödeln.

Nach der “Lear”-Premiere, bei der das Regie-Team überraschenderweise ausgebuht wird, treffe ich Maestro Franz Welser-Möst zum Interview. Es ist kurz & launig. Und vor allem: seit zwei Wochen fixiert. Welser-Möst mag nämlich auch keine Überraschungen. Und das verbindet ihn irgendwie mit Jerry Lewis. Das ist vielleicht nicht lustig, aber es ist das Leben.